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7.20 Bakterien Den Teufel im Gepäck

Bakterien

Den Teufel im Gepäck

Von Sven Stockrahm | © ZEIT ONLINE  23.1.2009 - 11:35 Uhr

Ein Großteil der Menschheit trägt seit Jahrtausenden ein krebserregendes Bakterium in sich. Mithilfe der Mikrobe haben Forscher nun die Besiedlung des Pazifiks verfolgt

Helicobacter pylori nistet in der Magenschleimhaut. Der Erreger löst Geschwüre und Krebs aus. Mit seinen Tentakeln, die Forscher Geißeln nennen, bewegt sich der Magenteufel voran

Helicobacter pylori nistet in der Magenschleimhaut. Der Erreger löst Geschwüre und Krebs aus. Mit seinen Tentakeln, die Forscher Geißeln nennen, bewegt sich der Magenteufel voran

© Luke Marshall

Der ständige Begleiter des Menschen ist nicht etwa der Hund und auch nicht das Handy. Wenn einer diese abgenutzte Bezeichnung tragen darf, ist es das Magenbakterium Helicobacter pylori. Kaum ein Lebewesen hat sich in den vergangenen Jahrtausenden so an den Menschen angepasst wie der gefürchtete Krankheitserreger. Heute trägt ihn jeder Zweite in sich. Die Mikrobe löst Geschwüre aus und verursacht Magenkrebs, an dem jährlich rund eine halbe Million Menschen weltweit sterben. Die Geschichte des "Magenteufels", wie er auch genannt wird, ist aber nicht nur eine über Krankheit und Tod. Sie belegt, wie der Mensch vor 60.000 Jahren Afrika verließ, um den Globus zu erobern.

Helicobacter pylori tritt in leicht abgewandelter Form überall auf der Welt auf.  Genau wie der Mensch, unterteilt sich das Bakterium in größere und kleinere Populationen, die sich regional unterscheiden. So lassen sich historische Wanderwege des Menschen anhand des Krankheitserregers verfolgen. Bislang kannten Biologen allerdings nur fünf Populationen des Bakteriums, das sich in die Magenschleimhaut einnistet. Menschen europäischer Herkunft tragen einen eigenen Bakterienstamm in sich. In den Mägen von Asiaten und Afrikanern findet man dagegen jeweils zwei andere Typen der Mikrobe.

Mark Achtman vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin und sein Team haben jetzt eine neue Population namens hpSahul entdeckt. Dieses Bakterium besiedelt die Mägen australischer Ureinwohner und der Bevölkerung auf der Hochebene Neuguineas. Der Fund beweist, dass die Ahnen des Menschen den Pazifik einst von Taiwan aus erreichten. "Der moderne Mensch besiedelte vor 31.000 bis 37.000 Jahren Australien", sagt Achtman.

Die Forscher fanden darüber hinaus Belege für eine zweite Welle von Pazifik-Einwanderern. Erst vor gut 5000 Jahren drangen Menschen in den Pazifik nordöstlich von Neuguinea nach Neuseeland vor, schreiben die Forscher im Magazin Science. Damals waren die mehr als tausend Inseln, die heute hier liegen, zu einer größeren Landmasse vereint. Den Wissenschaftlern ist es nun gelungen, diese Wanderung so genau wie nie zuvor zu belegen. "Bislang war über den Zusammenhang zwischen den Bevölkerungen Australiens und Neuguineas wenig bekannt."

In den Mägen von Ureinwohnern im Pazifik fanden die Forscher unterschiedliche Bakterienstämme. Die Erreger verraten wie diese Region einst besiedelt wurde. Die roten Pfeile zeigen die Wege des modernen Menschen, der vor 31.000 bis 37.000 Jahren Australien und die Insel Neuguinea erreichte. Erst vor 5000 Jahren gelangten Einwanderer nach Melanesien und Polynesien (orange Pfeile).

In den Mägen von Ureinwohnern im Pazifik fanden die Forscher unterschiedliche Bakterienstämme. Die Erreger verraten wie diese Region einst besiedelt wurde. Die roten Pfeile zeigen die Wege des modernen Menschen, der vor 31.000 bis 37.000 Jahren Australien und die Insel Neuguinea erreichte. Erst vor 5000 Jahren gelangten Einwanderer nach Melanesien und Polynesien (orange Pfeile). "HpSahul" ist der neue Bakterienstamm, den die Forscher entdeckten, "hpEastAsia" und "hpAsia2" sind die beiden asiatischen Populationen des Magenteufels. "hspMaori" und "hspEAsia" sind Unterarten. Die Tortendiagramme zeigen, wie oft welches Bakterium wo vorkam

© AAAS/Science

Mithilfe eines Computerprogramms filterten die Forscher die Merkmale heraus, an denen sich die Bakterienstämme unterscheiden lassen. Die Proben dafür erhielten sie von Ärzten aus Krankenhäusern. In einigen Ländern vermittelten Mediziner zwischen Ureinwohnern und Achtmans Team. So nahmen 212 Menschen von Taiwan bis Neukaledonien an der Studie teil. 

Die Infektionsbiologen untermauern damit, was Archäologen, Sprachwissenschaftler und Humangenetiker bereits ahnten. Allerdings fehlten die letzten Verbindungsstücke: "Humangenetische Methoden vergleichen das Erbgut von ganzen Bevölkerungsgruppen, sind aber nicht in der Lage, einzelne Menschen zu betrachten", sagt Achtman. Archäologen müssen sich auf die wenigen fossilen Überreste verlassen, die davon zeugen, wann der Mensch bestimmte Regionen erreichte. Sprachwissenschaftler vergleichen dafür Dialekte und Wörter aus verschiedenen Kulturkreisen. Mit etwas Glück finden sie den Ursprung einer Sprache und können die Wanderwege des Menschen erklären.

 

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